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Entwicklung zwischen Resilienz und Risiko – Stark machende Begleitung durch die Frühen Hilfen

Warum entwickeln sich manche Kinder trotz erheblicher Belastungen gesund, während andere langfristige Beeinträchtigungen zeigen? Und was können Frühe Hilfen dazu beitragen, Schutzfaktoren möglichst früh zu stärken?

Diesen Fragen widmete sich die Psychologin Erika Hohm beim GÖG-Colloquium am 20. September 2022. Grundlage ihres Vortrags waren insbesondere Erkenntnisse der Mannheimer Risikokinderstudie, an der Hohm über viele Jahre wissenschaftlich mitarbeitete. Die Längsschnittstudie begleitet Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter und untersucht, wie biologische und psychosoziale Risiken ihre Entwicklung beeinflussen – aber auch, was Kinder vor negativen Folgen schützen kann.

Frühe Belastungen können lange nachwirken

Entwicklungsrisiken können beim Kind selbst liegen – etwa in biologischen Voraussetzungen – oder aus seiner Lebensumwelt entstehen. Als psychosoziale Risiken wurden in der Präsentation unter anderem Armut, eine psychische Erkrankung eines Elternteils, sehr junge Eltern sowie Misshandlung und Vernachlässigung genannt.

Ein zentraler Befund der Mannheimer Risikokinderstudie ist, dass frühe Belastungen unterschiedliche Entwicklungsbereiche betreffen und ihre Folgen bis ins Erwachsenenalter reichen können. In der Präsentation wurden Zusammenhänge mit psychischer Gesundheit, Bildungserfolg und Verhaltensauffälligkeiten gezeigt. Insgesamt erwiesen sich psychosoziale Belastungen in der Studie als besonders bedeutsam.

Entscheidend ist dabei häufig nicht ein einzelner Faktor, sondern das Zusammentreffen mehrerer Belastungen. Mit zunehmender Zahl psychosozialer Risikofaktoren stieg in der Mannheimer Studie auch der Anteil psychisch auffälliger Kinder deutlich an: von 12,4 Prozent ohne entsprechenden Risikofaktor bis auf 61,5 Prozent bei mehr als sechs Risikofaktoren.

Für Frühe Hilfen ist diese Perspektive relevant: Nicht einzelne Merkmale einer Familie entscheiden über den Unterstützungsbedarf. Entscheidend ist die gesamte Belastungs- und Ressourcensituation.

Risiko bestimmt Entwicklung nicht

Die Risikoforschung zeigt zugleich eine zweite, ebenso wichtige Seite: Nicht alle Kinder, die hohen Belastungen ausgesetzt sind, entwickeln Probleme. Manche entwickeln sich trotz schwieriger Ausgangsbedingungen positiv und kompetent. Genau hier setzt die Resilienzforschung an. Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken. Sie ist dabei kein feststehendes oder angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Hohm beschrieb Resilienz als einen dynamischen Entwicklungsprozess, der aus dem Zusammenspiel individueller und sozialer Faktoren entsteht.

Damit verändert sich auch der Blick auf Prävention: Es geht nicht ausschließlich darum, Risiken zu reduzieren. Ebenso wichtig ist es, jene Bedingungen zu stärken, die Kindern helfen, mit Belastungen umzugehen.

Sichere Beziehungen als Schutzfaktor

Eine besondere Bedeutung kommt dabei der frühen Eltern-Kind-Beziehung zu. Die Mannheimer Risikokinderstudie untersuchte die protektive Wirkung dieser Beziehung über lange Entwicklungszeiträume. Eine sichere Bindung schafft Grundvertrauen, emotionale Sicherheit und Geborgenheit. Sie steht zugleich mit unterschiedlichen Bereichen der kindlichen Entwicklung in Verbindung – von Sprache, Lernen und Ausdauer über soziale Kompetenz bis zu Selbstwert, Selbstwirksamkeit und der Fähigkeit, Gefühle und Impulse zu regulieren.

Dabei beginnt Beziehung bereits sehr früh als wechselseitiger Prozess. Säuglinge verfügen über Fähigkeiten, Kontakt aufzunehmen und Reaktionen ihrer Bezugspersonen hervorzurufen. Eltern wiederum bringen intuitive Kompetenzen mit, um auf Signale ihres Kindes zu reagieren, Aufmerksamkeit zu steuern, zu beruhigen und Kommunikation aufzubauen.

Feinfühligkeit macht einen Unterschied

Ein zentraler Begriff ist Feinfühligkeit. Gemeint ist die Fähigkeit, die Signale eines Kindes wahrzunehmen, richtig zu deuten und zeitnah sowie angemessen darauf zu reagieren. Dazu gehören Sprache und Blickkontakt ebenso wie Berührung, Rhythmus und die Fähigkeit, die Perspektive des Kindes einzunehmen.

Die Mannheimer Risikokinderstudie weist auf die Schutzwirkung feinfühliger Eltern-Kind-Interaktion hin. Auch bei psychosozial hoch belasteten Familien kann die Qualität der frühen Beziehung Einfluss auf spätere Entwicklungsverläufe nehmen. In der Präsentation wurden neben der Mutter-Kind-Interaktion auch unterstützende Vater-Kind-Beziehungen als Schutzfaktor dargestellt.

Der zentrale Ansatzpunkt: Eltern zu unterstützen bedeutet auch, Bedingungen zu schaffen, unter denen Beziehung, Feinfühligkeit und Sicherheit wachsen können.

Auch Kinder bringen Schutzfaktoren mit

Resilienz entsteht jedoch nicht ausschließlich über die Erwachsenen. Auch Kompetenzen des Kindes können schützend wirken. Die Mannheimer Risikokinderstudie untersuchte unter anderem Temperament, frühe Sprachkompetenz, schulische Fertigkeiten und Selbstkonzept als mögliche Schutzfaktoren. Die präsentierten Ergebnisse zeigen beispielsweise protektive Zusammenhänge für gute expressive Sprache im Kleinkindalter, Lesekompetenz im Grundschulalter und ein positives Selbstkonzept.

Resilienzförderung bedeutet deshalb auch, Kindern Erfahrungen von Kompetenz und Selbstwirksamkeit zu ermöglichen und vorhandene Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Schutz kann auch außerhalb der Familie entstehen

Nicht jede Familie kann alle notwendigen Ressourcen selbst bereitstellen. Ein weiterer wichtiger Schutzbereich liegt deshalb außerhalb der unmittelbaren Familie. Als Beispiele nannte Hohm Tagesmütter, zusätzliche verlässliche Bezugspersonen, Kindertageseinrichtungen, Patenfamilien sowie Jugendgruppen und Vereine. Solche sozialen Beziehungen und Strukturen können Fähigkeiten stärken und Kindern zusätzliche Erfahrungen von Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit ermöglichen.

Gerade für Familien mit mehreren Belastungen zeigt sich damit die Bedeutung eines funktionierenden Unterstützungsnetzwerks. Eine verlässliche Bezugsperson muss nicht jede Belastung beseitigen können, um für ein Kind einen Unterschied zu machen.

Was folgt daraus für die Frühen Hilfen?

Am Ende ihres Vortrags leitete Erika Hohm aus den Ergebnissen der Mannheimer Risikokinderstudie konkrete Schlussfolgerungen für die Frühen Hilfen ab. Entwicklungsrisiken sollen möglichst früh erkannt, vermeidbare Risiken verhindert und nicht vermeidbare Belastungen abgemildert werden. Gleichzeitig gilt es, die Beziehungs- und Erziehungskompetenz der Eltern zu fördern und die Lebenskompetenzen der Kinder zu stärken. Bindung, Feinfühligkeit und kindliche Kompetenzen bilden dabei wesentliche Ansatzpunkte für die Förderung von Resilienz.

Für die Familienbegleitung ergibt sich daraus eine doppelte Perspektive: Belastungen ernst zu nehmen und zugleich konsequent nach Ressourcen zu suchen. Frühe Hilfen können Eltern entlasten, vorhandene Fähigkeiten stärken, weitere Unterstützung erschließen und dazu beitragen, dass Kinder möglichst früh stabile Beziehungen und förderliche Entwicklungsbedingungen erfahren.

In der Diskussion mit den rund 130 Teilnehmer:innen wurde insbesondere die Bedeutung früher und bedarfsgerechter Unterstützung für Familien mit Belastungen hervorgehoben. Eine sichere und fürsorgliche Bezugsperson kann auch unter schwierigen Lebensbedingungen wesentlich dazu beitragen, die Entwicklung eines Kindes zu stabilisieren.

Vortragende: Dipl.-Psych. Erika Hohm ist Psychologin und leitete zum Zeitpunkt des Vortrags die Frühen Hilfen der Stadt Mannheim. Zuvor war sie über viele Jahre wissenschaftlich im Rahmen der Mannheimer Risikokinderstudie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim tätig. Ihre Arbeit verbindet damit langjährige Forschung zu Entwicklungsrisiken und Schutzfaktoren mit praktischer Erfahrung in den Frühen Hilfen.

Begrüßung und Moderation:
Dr.in Sabine Haas
Gesundheit, Gesellschaft und Chancengerechtigkeit
Gesundheit Österreich GmbH

Vortragsfolien zum Download:

Entwicklung zwischen Resilienz und Risiko – Stark machende Begleitung durch die Frühen Hilfen