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Präventionsketten – eine integrierte Strategie für gesundes Aufwachsen und Chancengerechtigkeit

In vielen Gemeinden gibt es bereits zahlreiche Unterstützungsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien. Trotzdem erreichen diese nicht immer diejenigen, die sie besonders benötigen. Zuständigkeiten sind auf unterschiedliche Ressorts und Institutionen verteilt, Angebote greifen nicht ausreichend ineinander und Zugänge können gerade für belastete Familien schwierig sein.

An diesem Punkt setzt das Konzept der Präventionsketten an. Christina Kruse von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen beschrieb im GÖG-Colloquium das zugrunde liegende Präventionsdilemma: Menschen, die besonders von Unterstützungsangeboten profitieren würden, nehmen diese häufig nur eingeschränkt oder gar nicht in Anspruch. Präventionsketten versuchen deshalb nicht lediglich, zusätzliche Angebote zu schaffen. Sie verändern die Strukturen, in denen vorhandene Leistungen geplant, koordiniert und zugänglich gemacht werden.

Das Ziel ist ein eng geknüpftes Unterstützungssystem, das sich an den Lebensphasen, Entwicklungsthemen und tatsächlichen Bedürfnissen von Kindern und Familien orientiert. Dafür sollen Fach- und Ressortgrenzen überwunden, Regelstrukturen gestärkt, Übergänge besser gestaltet, Zugangsbarrieren reduziert und Teilhabe ermöglicht werden.

Prävention wird zur gemeinsamen kommunalen Aufgabe

Die Erfahrungen aus Niedersachsen zeigen, dass Präventionsketten vor allem Strategieentwicklung und Strukturbildung bedeuten. Kinderarmut wurde im Vortrag nicht allein als Mangel an Einkommen betrachtet, sondern als Lebenslage, die Bildung, Gesundheit, soziale Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe beeinflussen kann.

Daraus folgt ein anderer Blick auf kommunale Prävention: Nicht einzelne Einrichtungen oder Fachbereiche können die Bedingungen des Aufwachsens allein verändern. Politik, Verwaltung und Institutionen aus unterschiedlichen Bereichen tragen gemeinsam Verantwortung. Für den Aufbau einer Präventionskette braucht es daher eine verbindliche Organisationsstruktur, Koordination und die Beteiligung verschiedener Ressorts und Akteur:innen.

Die Erfahrungen aus Niedersachsen zeigen auch, dass solche Veränderungen Zeit benötigen. Zu den ersten Schritten gehören ein verbindlicher politischer Auftrag, eine Analyse der bestehenden Situation und Angebote, der Aufbau einer Organisationsstruktur sowie gemeinsam entwickelte Ziele und Maßnahmen. Präventionsketten benötigen einen mittel- bis langfristigen Planungshorizont.

Von Daten zu konkreten Veränderungen

Wie strukturelle Prävention praktisch aussehen kann, zeigte Christina Kruse anhand kommunaler Beispiele aus Niedersachsen. In Barsinghausen wurde etwa die Vergabe von Kitaplätzen stärker an unterschiedlichen Belastungen und Lebensrealitäten von Familien ausgerichtet. Andere Maßnahmen zielten darauf, versteckte Kosten in Kindertagesstätten abzubauen und Teilhabe unabhängig vom Einkommen der Eltern zu ermöglichen.

Das Beispiel verdeutlicht einen zentralen Gedanken des Ansatzes: Chancengerechtigkeit entsteht nicht erst durch zusätzliche Hilfen für einzelne Familien. Auch bestehende Regeln, Abläufe und Entscheidungen können so verändert werden, dass Barrieren gar nicht erst entstehen.

Evaluationen des niedersächsischen Programms zeigen nach Angaben der Präsentation strukturelle Veränderungen in den beteiligten Kommunen. Kinderarmut wurde dauerhaft stärker zum kommunalen Thema, Vernetzungsstrukturen wurden aufgebaut, Austausch und Kommunikation verbessert und Kompetenzen in Verwaltung und Fachpraxis erweitert. Wirkungsorientiertes Arbeiten führte zudem zu Angeboten, die Familien tatsächlich erreichen.

Auch auf Ebene der Familien werden Wirkungen beschrieben: Neue Angebote wurden genutzt, positiv bewertet und konnten beispielsweise Wissen, Einstellungen oder Handlungsmöglichkeiten der Teilnehmenden verändern. Die zugrunde liegende Logik lautet damit: Strukturelle Veränderungen in Kommunen sollen bessere Zugänge schaffen und dadurch auch die Lebenslagen von Kindern und Familien beeinflussen.

Vorarlberg: Präventionsketten vom Land bis in die Gemeinden

Heike Mennel-Kopf vom Amt der Vorarlberger Landesregierung zeigte anschließend, wie der Ansatz in Österreich umgesetzt wird. Das Landesprogramm „Vorarlberg lässt kein Kind zurück“ verfolgt das Ziel, die gesundheitliche, soziale und Bildungsteilhabe von Kindern und Jugendlichen zu verbessern – besonders für jene, die unter schwierigeren Bedingungen aufwachsen. Präventionsketten sollen ihre Entwicklungsbedingungen und Lebenschancen von der Geburt bis zum Berufseintritt verbessern.

Eine wichtige Grundlage ist dabei die Verbindung von Daten, Fachwissen und Wissen der betroffenen Menschen. Sozialraumanalysen sollen nicht auf einer „gefühlten Wirklichkeit“ beruhen, sondern statistische Informationen ebenso berücksichtigen wie die Perspektiven von Fachleuten und Adressat:innen.

Gleichzeitig bleibt die Umsetzung sehr konkret. Genannt wurden unter anderem Familientreffpunkte, Kindergarten-Sozialarbeit, bessere Übergänge zwischen Institutionen, Schwimmkurse, Lernunterstützung in ländlichen Regionen sowie Maßnahmen zur Sensibilisierung innerhalb von Verwaltung und öffentlichen Einrichtungen.

Vernetzung braucht Struktur

Die Vorarlberger Erfahrungen zeigen zugleich, dass Kooperation nicht automatisch entsteht. Netzwerke müssen organisiert und gepflegt werden. Verbindungen zwischen Sozialem, Bildung und Gesundheit sollen gestärkt werden, obwohl die beteiligten Systeme unterschiedliche Aufgaben, Arbeitsweisen und Zuständigkeiten haben. Entscheidend ist deshalb ein gemeinsamer Blick auf die Lebenssituation von Kindern und Familien.

Das Land unterstützt die beteiligten Gemeinden und Regionen unter anderem durch dauerhaft angelegte hauptamtliche Koordinationsstellen, die gemeinsam von Land und Gemeinde finanziert werden. Voraussetzung ist ein kommunaler politischer Beschluss, der Prävention langfristig verankert und die ressortübergreifende Zusammenarbeit festschreibt. Ergänzend gibt es fachliche Begleitung, Qualitätsentwicklung, gemeinsame Lernformate und eine Verbindung zur Landesverwaltung.

Aus den bisherigen Erfahrungen leitete Heike Mennel-Kopf mehrere zentrale Voraussetzungen ab: Präventive Politik braucht Unterstützung auf Entscheidungsebene, ressortübergreifende Zusammenarbeit, hauptamtliche Fachkräfte, geeignete Wissensgrundlagen, Beteiligung der Adressat:innen und eine systematische Auseinandersetzung mit Wirkung.

Frühe Hilfen als Beginn einer Präventionskette

Für das NZFH.at ist besonders die Verbindung zwischen Präventionsketten und Frühen Hilfen relevant. In der niedersächsischen Darstellung bilden die Frühen Hilfen ausdrücklich die erste Stufe einer Präventionskette. Von Schwangerschaft und Geburt ausgehend soll sich ein vernetztes Unterstützungssystem über weitere Entwicklungs- und Bildungsphasen bis zum Übergang in Ausbildung und Beruf fortsetzen.

Damit haben Frühe Hilfen und Präventionsketten eine gemeinsame Grundidee: Unterstützung soll sich an den Lebenslagen von Familien orientieren und nicht an institutionellen Zuständigkeitsgrenzen enden. Während Frühe Hilfen insbesondere die Schwangerschaft und frühe Kindheit in den Blick nehmen, erweitert die Präventionskette diese Logik über weitere Lebensphasen.

Die österreichweit verfügbaren Frühen Hilfen bieten damit eine wichtige Ausgangsbasis für weiterführende integrierte Präventionsstrukturen. Auch die Erfahrungen aus Niedersachsen zeigen, welchen Stellenwert verlässliche Koordination, Qualitätsentwicklung und eine langfristige strukturelle Verankerung für solche Systeme haben können.

Was aus den Erfahrungen folgt

Die beiden Perspektiven aus Niedersachsen und Vorarlberg zeigen einen gemeinsamen Kern: Präventionsketten entstehen nicht dadurch, dass vorhandene Angebote lediglich nebeneinandergestellt werden. Entscheidend ist, wie Kommunen und Regionen Verantwortung organisieren.

Dafür braucht es politische Rückendeckung, eine dauerhafte Koordination, ressortübergreifende Zusammenarbeit, Wissen über die tatsächliche Situation vor Ort und die Bereitschaft, bestehende Strukturen und Abläufe zu verändern. Die Erfahrungen zeigen zugleich, dass solche Prozesse langfristig angelegt sein müssen.

Präventionsketten verschieben damit die Perspektive: von der Frage, welches einzelne Angebot noch fehlt, hin zu der Frage, ob Kinder und Familien entlang ihrer Lebensphasen tatsächlich auf ein zusammenhängendes, zugängliches und bedarfsgerechtes Unterstützungssystem treffen.

Vortragende:

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Christina Kruse BSc, MSc ist Gesundheitswissenschaftlerin.
© LVG & AFS NDS HB e. V.

Christina Kruse, BSc, MSc, ist Gesundheitswissenschaftlerin und beschäftigt sich mit sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit sowie deren Auswirkungen auf die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen. Im Programm „Präventionsketten Niedersachsen: Gesund aufwachsen für alle Kinder!“ begleitete sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen 22 Kommunen beim Aufbau integrierter kommunaler Strategien. Das niedersächsische Programm setzte dabei auf kommunale Koordinierungsstellen, Prozessbegleitung, Fachberatung und Qualifizierung.

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Mag.a Heike Mennel-Kopf ist seit 2009 Verwaltungsexpertin im Amt der Vorarlberger Landesregierung und zuständig für die Agenden Familienförderung sowie für verschiedene Landesprogramme.
© Privat

Mag.a Heike Mennel-Kopf ist im Fachbereich Jugend und Familie des Amtes der Vorarlberger Landesregierung tätig und verantwortet unter anderem Landesprogramme im Bereich Familienförderung. Im GÖG-Colloquium stellte sie die Umsetzung von Präventionsketten im Rahmen von „Vorarlberg lässt kein Kind zurück“ vor.

Begrüßung und Moderation:
DIin Marion Weigl
Gesundheit Österreich GmbH
Abteilung Gesundheit, Gesellschaft und Chancengerechtigkeit

Vorträge und weiterführende Informationen zum Download:

Vortrag: Präventionsketten Niedersachsen

Vortrag: Präventionsketten in Vorarlberg

Kurzbericht: Frühe Hilfen und Präventionsketten – Gemeinsamkeiten, Unterschiede, potenzielle Schnittstellen und Synergien