NextGeneration Frühe Hilfen: Abschlussveranstaltung zu RRF Frühe Hilfen
Mit dem österreichischen Aufbau- und Resilienzplan begann 2022 eine entscheidende Ausbauphase der Frühen Hilfen. Ziel war es, regionale Frühe-Hilfen-Netzwerke auch in jenen Teilen Österreichs aufzubauen, die bis dahin noch nicht erreicht wurden. Im September 2023 war dieses Ziel erreicht: Seither stehen Frühe Hilfen flächendeckend in allen österreichischen Bezirken zur Verfügung.
Die Abschlussveranstaltung am 21. Mai 2024 in der Wiener Urania zog Bilanz über diesen Roll-out und richtete zugleich den Blick nach vorne. Nach der Eröffnung durch Johannes Rauch, Ulrike Königsberger-Ludwig, Peter Lehner, Tim Joris Kaiser und Herwig Ostermann präsentierten Adelheid Weber, Theresa Bengough, Petra Winkler und Tonja Ofner zentrale Ergebnisse. Sabine Haas zeichnete anschließend die Entwicklung der Frühen Hilfen in Österreich nach; Katharina Reich gab den Ausblick auf die weitere Umsetzung.
Von regionalen Angeboten zur flächendeckenden Versorgung
Für „RRF Frühe Hilfen“ standen aus dem österreichischen Aufbau- und Resilienzplan 15 Millionen Euro zur Verfügung. Rund 14 Millionen Euro waren für den Ausbau regionaler Frühe-Hilfen-Netzwerke zwischen Jänner 2022 und März 2024 vorgesehen. Die Mittel konnten für neue Angebote in zusätzlichen Bezirken sowie für die Aufstockung bereits bestehender Angebote eingesetzt werden. Weitere Mittel flossen unter anderem in fachliche Begleitung, Evaluation, Schulungen und kultursensible Kommunikation.
Der Ausbau war dabei mehr als eine geografische Erweiterung. Neue Teams und Netzwerke mussten aufgebaut, geschult und miteinander verbunden werden. Das NZFH.at unterstützte diesen Prozess mit fachlicher Beratung, Materialien und Starterpaketen, dem österreichweiten Dokumentationssystem FRÜDOK, Schulungen sowie Vernetzungs- und Austauschformaten.
Während 2021 erst rund 56 Prozent Österreichs abgedeckt waren, zeigt die bei der Veranstaltung präsentierte Entwicklungskarte für 2023 die flächendeckende Versorgung in allen Bundesländern und Bezirken.
Mehr als 8.000 Menschen erreicht
Die bei der Abschlussveranstaltung präsentierten FRÜDOK-Daten zeigen, wie stark das ausgebaute Angebot genutzt wurde. Bis zum 13. Mai 2024 waren 3.235 Kontaktaufnahmen, 1.936 Familienbegleitungen und 525 kurzfristige Unterstützungen dokumentiert. 795 Familienbegleitungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen.
Insgesamt wurden damit 8.005 Menschen erreicht: 4.026 Kinder und 3.979 Erwachsene.
Die Familien kamen dabei auf unterschiedlichen Wegen zu den Frühen Hilfen. Etwas mehr als die Hälfte nahm selbst Kontakt auf, bei 44 Prozent erfolgte die Vermittlung über Institutionen oder Einrichtungen. Krankenhäuser, Hebammen, Kinder- und Jugendhilfe, Beratungsstellen sowie psychologische und psychotherapeutische Angebote spielten dabei eine wichtige Rolle.
Familien mit hohen Belastungen werden erreicht
Ein zentrales Ziel der Frühen Hilfen ist es, Familien zu erreichen, die aufgrund ihrer Lebenssituation besonderer Unterstützung bedürfen. Die Daten zeigen, dass dies gelingt: 60 Prozent der begleiteten Familien waren armutsgefährdet, 44 Prozent der Mütter hatten einen Migrationshintergrund, 19 Prozent waren Ein-Eltern-Familien und bei 22 Prozent hatte die Mutter höchstens einen Pflichtschulabschluss. Diese Anteile lagen jeweils über den in der Präsentation herangezogenen österreichischen Referenzwerten.
Belastungen treten dabei häufig nicht isoliert auf. Bei 41 Prozent der Familien wurde die psychosoziale Gesundheit einer Hauptbezugsperson als Belastung dokumentiert, bei 40 Prozent die finanzielle Situation des Haushalts und bei 35 Prozent das soziale Netzwerk. Hinzu kamen spezifische Belastungslagen: 17 Prozent der Familien befanden sich kurz vor oder nach einer belastenden Trennung, bei elf Prozent der Mütter gab es Anzeichen einer postpartalen Depression und bei 7,5 Prozent der Familien Anzeichen von Gewalt.
Familienbegleitung verbindet unterschiedliche Hilfen
Die Daten zeigen auch, warum die Netzwerkfunktion der Frühen Hilfen wesentlich ist. Familien wurden je nach Bedarf beispielsweise zu psychologischer oder psychotherapeutischer Unterstützung, Beihilfen und Förderungen, Elternbildungsangeboten, Kinderbetreuung, Hebammen, Familien- und Haushaltshilfen oder Angeboten bei postpartaler Depression vermittelt.
Eine abgeschlossene Familienbegleitung dauerte im Durchschnitt rund 188 Tage, also etwa ein halbes Jahr. Im Mittel fanden sechs persönliche Kontakte statt; insgesamt wurden durchschnittlich etwa 17 Arbeitsstunden pro Familienbegleitung aufgewendet, Fahrzeiten nicht eingerechnet.
Beim Poster-Walk der Abschlussveranstaltung wurde sichtbar, was diese Begleitung im Alltag bedeuten kann. Ein Fallbeispiel zeigte die Unterstützung einer jungen Familie nach der Geburt bei emotionaler Belastung, fehlendem sozialen Netz und Unsicherheit in der neuen Elternrolle. Ein zweites Beispiel beschrieb eine Familie, die während der Schwangerschaft unerwartet mit Drillingen und damit mit erheblichen gesundheitlichen, finanziellen und organisatorischen Herausforderungen konfrontiert war. In beiden Fällen verband die Familienbegleitung psychosoziale Unterstützung mit konkreter Organisation und der Vermittlung weiterer Hilfen.
Verbesserungen in zentralen Lebensbereichen
Auch Veränderungen im Verlauf der Begleitung wurden über FRÜDOK dokumentiert. Besonders häufig zeigten sich Verbesserungen bei Elternkompetenz und Eltern-Kind-Beziehung (45 Prozent), bei der Gesundheit (43 Prozent) sowie im Alltag und im sozialen Netzwerk (je 41 Prozent). Bei 37 Prozent verbesserte sich die Zukunftsperspektive der Familie.
Das Feedback der Familien fällt ebenfalls deutlich aus: 94 Prozent gaben an, Vertrauen zur Familienbegleiterin gehabt zu haben, 95 Prozent fühlten sich mit ihren Sorgen verstanden und 91 Prozent sahen sich gut unterstützt. Jeweils 86 Prozent würden die Frühen Hilfen erneut nutzen beziehungsweise anderen Familien empfehlen.
Qualität musste mit dem Ausbau mitwachsen
Der rasche Ausbau stellte zugleich Anforderungen an Qualität und gemeinsame fachliche Standards. Das NZFH.at begleitete neue Netzwerke deshalb mit Beratung, Dokumentation, Schulungen und Vernetzung. Insgesamt fanden 18 Vernetzungstreffen für Familienbegleitung, Netzwerkmanagement, fachliche Leitung und funktionsübergreifenden Austausch statt. Themen reichten von multiprofessionellen Teams und Gruppenangeboten bis zu psychischen Belastungen, Kindeswohlgefährdung und der Kontaktaufnahme mit Familien.
Für neu tätige Familienbegleiter:innen und Netzwerkmanager:innen wurden zudem spezifische Schulungen zu Konzept, Strukturen und Recht sowie zur Praxis der Familienbegleitung und des Netzwerkmanagements angeboten.
Informationen in neun Sprachen
Ein weiterer Schwerpunkt des RRF-Projekts war die Frage, wie Informationen Familien unabhängig von Sprache und Herkunft besser erreichen können. Dafür wurde ein kultursensibles Informations- und Kommunikationstool entwickelt.
Die Themen wurden gemeinsam mit Familien ausgewählt und erprobt. Insgesamt entstanden Informationen zu 32 Themen, die in leicht verständlicher Form aufbereitet und in neun Sprachen – Arabisch, Englisch, BKS, Dari, Rumänisch, Russisch, Türkisch, Ukrainisch und Ungarisch – übersetzt wurden. In 26 Feedbackgruppen wurden Familien in Bedarfserhebung, Themenauswahl und Textentwicklung einbezogen.
Der Roll-out endet, die Frühen Hilfen bleiben
Die Veranstaltung markierte deshalb keinen Abschluss der Frühen Hilfen, sondern den Übergang in eine neue Phase. Parallel zum EU-finanzierten Ausbau wurde die dauerhafte rechtliche und finanzielle Absicherung vorbereitet.
Mit der Frühe-Hilfen-Vereinbarung gemäß Artikel 15a B-VG, die am 1. Jänner 2024 in Kraft trat, wurde die Weiterführung des flächendeckenden Angebots für die Jahre 2024 bis 2028 verankert.
Aus einem zunächst regional unterschiedlich verfügbaren Angebot wurde damit innerhalb weniger Jahre eine österreichweite Unterstützungsstruktur. Der RRF-Roll-out schloss die letzten geografischen Versorgungslücken. Die nächste Aufgabe besteht darin, die entstandenen Strukturen zu erhalten, ihre Qualität weiterzuentwickeln und Familien weiterhin frühzeitig zu erreichen.
Beiträge der Veranstaltung
Den nationalen Roll-out präsentierten Adelheid Weber vom Bundesministerium sowie Theresa Bengough, Petra Winkler und Tonja Ofner vom NZFH.at beziehungsweise der GÖG. Sabine Haas gab einen Rückblick auf die Entwicklung der Frühen Hilfen in Österreich. Den Ausblick auf die weitere Umsetzung übernahm Katharina Reich, Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit und Sektionsleiterin im Bundesministerium.
Material zum Download:


