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Autismus-Spektrum-Störungen im Wandel: Diagnostik, Prävention und Public Health

Das GÖG-Colloquium vom 11. November 2025 mit Johannes Hofer beschäftigte sich mit Autismus-Spektrum-Störungen aus entwicklungsmedizinischer und Public-Health-Perspektive. Themen waren Veränderungen in der Diagnostik, die frühe Entwicklung sozialer Kommunikation, Früherkennung und Intervention, multiprofessionelle Unterstützung sowie strukturelle Rahmenbedingungen für eine kontinuierliche Versorgung.

Autismus verstehen, früh erkennen und Unterstützung ermöglichen

Wie verändern sich Verständnis und Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Prävention und Versorgung? Diesen Fragen widmete sich das vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen organisierte GÖG-Colloquium am 11. November 2025.

Prim. Dr. Johannes Hofer betrachtete Autismus dabei nicht allein aus diagnostischer Perspektive. Sein Vortrag spannte den Bogen von der frühkindlichen Entwicklung sozialer Kommunikation über Früherkennung und Intervention bis zu der Frage, welche Strukturen Menschen mit Autismus und ihre Familien über unterschiedliche Lebensphasen hinweg benötigen.

Ein Ausgangspunkt war die veränderte Wahrnehmung von Autismus. Neben größerer gesellschaftlicher Aufmerksamkeit haben sich auch die diagnostischen Kriterien verändert: An die Stelle mehrerer voneinander abgegrenzter Kategorien ist zunehmend das Verständnis eines Spektrums mit unterschiedlichen Ausprägungen getreten. Aus Public-Health-Sicht rücken damit auch Screening und frühe Intervention stärker in den Mittelpunkt.

Soziale Kommunikation beginnt früh

Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Entwicklung sozialer Kommunikation. Hofer zeigte anhand zahlreicher Entwicklungsschritte, dass soziale Kommunikation lange vor dem gesprochenen Wort beginnt: etwa mit der Orientierung an Stimmen und Gesichtern, Blickkontakt, sozialem Lächeln, wechselseitigem Lautieren, Gesten und geteilter Aufmerksamkeit. Wissen über typische Entwicklungsverläufe ist deshalb eine wichtige Voraussetzung dafür, Abweichungen früh wahrzunehmen.

Dabei wurde zwischen Sprache und sozialer Kommunikation unterschieden. Schwierigkeiten der sozialen Kommunikation sind ein wesentliches Merkmal von Autismus; gleichzeitig haben Menschen mit Autismus sehr unterschiedliche sprachliche, kognitive und adaptive Fähigkeiten. Der Blick auf das gesamte Spektrum und auf die individuelle Entwicklung ist daher zentral.

Hofer betonte zudem, dass Menschen mit Autismus grundsätzlich den Wunsch nach sozialen Beziehungen und Zugehörigkeit haben können, ihnen aber mitunter geeignete Strategien der sozialen Kommunikation fehlen. Unterstützung müsse deshalb nicht nur beim Kind ansetzen, sondern auch die Gestaltung von Kommunikation und Umwelt berücksichtigen.

Früh erkennen – und anschließend handeln

Autismus zeigt sich früh in der Entwicklung. Im Vortrag wurde dargestellt, dass eine Diagnose häufig bereits im zweiten Lebensjahr möglich ist. Hinweise können sich unter anderem in der sozialen Aufmerksamkeit und Kommunikation, beim Reagieren auf den eigenen Namen, beim Teilen von Aufmerksamkeit, bei Gesten, beim Spiel oder in sensorischen Besonderheiten zeigen.

Früherkennung ist dabei kein Selbstzweck. Der zentrale Gedanke des Vortrags lautete: vom Verdacht zur Diagnose und hin zum Tun. Auf frühes Beobachten und Screening müssen bei entsprechendem Verdacht eine qualifizierte Diagnostik und eine passende Interventionsplanung folgen. Hofer fasste den Handlungsbedarf in vier Schritten zusammen: beobachten, Eltern und Familien einbeziehen, Entwicklung systematisch weiterverfolgen und bei Bedarf spezialisierte multiprofessionelle Diagnostik und Intervention ermöglichen.

Frühe Intervention mit Blick auf Kommunikation und Alltag

Auch bei Interventionen stand die soziale Kommunikation im Mittelpunkt. Vorgestellt wurden entwicklungsorientierte und naturalistische Ansätze, die möglichst früh einsetzen und Lernen in alltäglichen Situationen unterstützen. Der Vortrag verwies dabei auf Studien, die Effekte insbesondere auf soziale Kommunikation sowie – je nach Ansatz – auf Sprache und Spiel beschreiben.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Einbindung der Eltern. Förderung sozialer Kommunikation bedeutet auch, Interaktion gemeinsam zu gestalten: Aufmerksamkeit teilen, sensibel auf Signale reagieren, Kommunikationsmöglichkeiten erweitern und Schritt für Schritt komplexere Formen des Austauschs ermöglichen.

Zugleich stellte Hofer klar: Autismus ist ein lebenslanger Zustand. Interventionen können funktionale Entwicklung und Lebensqualität verbessern, ihr Ziel ist jedoch nicht eine „Heilung“ von Autismus. Ebenso dürften Eltern nicht für den Autismus ihres Kindes verantwortlich gemacht oder stigmatisiert werden.

Unterstützung endet nicht mit der Diagnose

Autismus kann mit unterschiedlichen gesundheitlichen und entwicklungsbezogenen Begleiterkrankungen und Unterstützungsbedarfen verbunden sein. Entsprechend reicht eine punktuelle diagnostische oder therapeutische Maßnahme nicht aus. Im Vortrag wurde die Bedeutung einer vernetzten multiprofessionellen Unterstützung hervorgehoben – von kontinuierlicher medizinischer Begleitung und therapeutischen Interventionen bis zur Anpassung schulischer Förderung und zur Unterstützung der Familien.

Damit werde Autismus auch zu einer Public-Health-Frage: Es geht um Zugänge zu früher Diagnostik und Intervention, um abgestimmte Versorgung und um Rahmenbedingungen, die Teilhabe über unterschiedliche Lebensphasen hinweg ermöglichen.

In der anschließenden Diskussion griffen die rund 170 Teilnehmer zahlreiche Fragen aus der Praxis auf. Im Mittelpunkt standen unter anderem das frühzeitige Erkennen von ASS im beruflichen Alltag, die nächsten Schritte bei einem Verdacht und die Frage, wie Familien mit einem Kind mit Autismus gut begleitet werden können.

Von der Früherkennung bis zur Teilhabe

Hofer plädierte für eine über einzelne Versorgungsangebote hinausgehende Perspektive. In seinem Vortrag skizzierte er als notwendigen Rahmen einen nationalen Aktionsplan für Autismus-Spektrum-Störungen. Genannt wurden Früherkennung und Intervention, Case Management, autismuskompetente inklusive Kinderbetreuung und Schulen, die Begleitung von Übergängen sowie Unterstützung in den Bereichen Beschäftigung, Arbeit, Wohnen und Versorgung im Alter.

Die Public-Health-Perspektive reicht damit von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Entscheidend ist nicht allein, Autismus möglichst früh zu erkennen. Ebenso wichtig sind passende Angebote und Strukturen, die Menschen mit Autismus und ihre Familien verlässlich begleiten und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Vortragender: Prim. Dr. Johannes Hofer ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Facharzt für Neurologie und leitet das Institut für Sinnes- und Sprachneurologie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz. Zudem ist er am Klinischen Forschungsinstitut für Entwicklungsmedizin der Johannes Kepler Universität Linz tätig. Seine fachlichen Schwerpunkte umfassen unter anderem Neuroentwicklung, Sprache und Kommunikation sowie Autismus-Spektrum-Störungen.

Begrüßung und Moderation:
Mag.a Theresa Bengough, PhD
Gesundheit Österreich GmbH
Abteilung Gesundheit, Gesellschaft und Chancengerechtigkeit

Präsentation und Nachlese: Die Präsentation von Johannes Hofer sowie weitere Informationen zur Nachlese stehen zur Verfügung.

Vortrag Johannes Hofer