Gestresste Kleinkinder: ACEs und die Bedeutung früher Unterstützungssysteme
Welche Spuren können belastende Erfahrungen in der frühen Kindheit hinterlassen? Und was hilft Kindern, sich trotz schwieriger Lebensbedingungen gesund zu entwickeln?
Diesen Fragen widmete sich Dr. Harald Geiger, MPH, beim Online-GÖG-Colloquium im Rahmen der European Public Health Week. Rund 200 Teilnehmer:innen verfolgten seinen Vortrag zu Adverse Childhood Experiences – kurz ACEs –, chronischem Stress und der Bedeutung früher Unterstützungssysteme.
Frühe Erfahrungen können langfristig wirken
Als Adverse Childhood Experiences werden schwerwiegende belastende Erfahrungen in der Kindheit bezeichnet. Dazu können etwa Vernachlässigung, Gewalt oder andere anhaltende Belastungen im familiären Umfeld gehören. Solche Erfahrungen betreffen Kinder nicht nur in dem Moment, in dem sie auftreten. Der Vortrag zeigte, dass Bedingungen in der frühen Kindheit Einfluss auf biologische Grundlagen von körperlicher und psychischer Gesundheit nehmen können und damit auch für den weiteren Lebensverlauf relevant sind.
Dabei bedeutet eine belastete Kindheit nicht zwangsläufig eine schlechte gesundheitliche Entwicklung. Sie erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit ungünstiger Verläufe – insbesondere dann, wenn Belastungen wiederholt auftreten und Kindern und Familien keine ausreichende Unterstützung zur Verfügung steht.
Wenn Stress zum Entwicklungsrisiko wird
Stress gehört grundsätzlich zum Leben. Auch Kinder erleben Situationen, die Anstrengung und Anpassung erfordern. Entscheidend ist, wie stark und wie dauerhaft die Belastung ist und ob verlässliche Bezugspersonen dabei helfen, sie zu bewältigen. Bei kleinen Kindern befinden sich Gehirn und andere biologische Regulationssysteme noch in intensiver Entwicklung. Sie passen sich an die Umweltbedingungen an, in denen ein Kind aufwächst. Diese Anpassungsfähigkeit ist zunächst eine Stärke: Sie ermöglicht es dem Organismus, auf unterschiedliche Anforderungen zu reagieren.
Problematisch kann es werden, wenn ein Kind immer wieder Erfahrungen macht, die seine Möglichkeiten zur Bewältigung überfordern. Wiederholter negativer Stress kann das Regulationssystem dauerhaft beanspruchen. Anpassungen, die kurzfristig hilfreich sind, können dann langfristig Nachteile mit sich bringen und unter anderem die weitere Hirnentwicklung beeinflussen. Dadurch wird verständlich, warum die frühe Kindheit für Prävention eine besondere Bedeutung hat: Belastungen wirken in einer Phase, in der zentrale Entwicklungsprozesse noch formbar sind.
Nicht die einzelne Erfahrung entscheidet
Der Blick auf ACEs darf dabei nicht dazu führen, einzelne belastende Erfahrungen automatisch mit späteren Erkrankungen gleichzusetzen. Entscheidend ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren: Wie schwer und dauerhaft sind Belastungen? Welche persönlichen und familiären Ressourcen stehen zur Verfügung? Gibt es verlässliche Bezugspersonen? Erhält die Familie Unterstützung, wenn sie diese benötigt?
Gesundheitliche Entwicklung entsteht damit nicht allein aus Risiken. Ebenso bedeutsam sind die Bedingungen, die Belastungen auffangen und Kindern Sicherheit vermitteln können.
Positive Kindheitserfahrungen als Gegengewicht
Neben ACEs rückte Harald Geiger deshalb Positive Childhood Experiences (PCEs) in den Mittelpunkt. Positive Kindheitserfahrungen entstehen beispielsweise dort, wo Kinder verlässliche Beziehungen, Zuwendung, Sicherheit und Zugehörigkeit erleben. Sie können Ressourcen und Widerstandsfähigkeit stärken und dazu beitragen, die Auswirkungen schwieriger Erfahrungen abzumildern.
Gerade in belasteten Lebenssituationen kommt stabilen und unterstützenden Beziehungen eine besondere Bedeutung zu. Kinder brauchen Erwachsene, die verfügbar sind, ihre Signale wahrnehmen und ihnen Sicherheit vermitteln. Somit richtet sich der Blick nicht ausschließlich darauf, negative Erfahrungen zu verhindern. Prävention bedeutet ebenso, positive Entwicklungsbedingungen aktiv zu fördern.
Das gesamte Familiensystem unterstützen
Bei Säuglingen und kleinen Kindern lassen sich Belastungen des Kindes kaum von der Situation seiner Familie trennen. Wenn Eltern beispielsweise psychisch belastet, sozial isoliert oder mit anderen schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert sind, benötigen häufig nicht nur die Kinder Unterstützung. Eine wirksame frühe Hilfe muss deshalb die Familie als Ganzes betrachten.
Eltern zu entlasten, ihre Ressourcen zu stärken und gemeinsam passende Hilfen zu organisieren kann zugleich die Entwicklungsbedingungen des Kindes verbessern. Unterstützung kann damit sowohl dazu beitragen, belastende Erfahrungen zu verhindern oder abzumildern als auch positive Erfahrungen im Familienalltag zu ermöglichen.
Warum frühe Unterstützung einen Unterschied machen kann
Aus den Erkenntnissen zu ACEs und chronischem Stress folgt eine zentrale präventive Aufgabe: Belastungen sollten möglichst früh wahrgenommen werden und Unterstützung sollte verfügbar sein, bevor Probleme sich verfestigen. Gerade Fachpersonen, die bereits während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren regelmäßig Kontakt zu Familien haben, können dabei eine wichtige Rolle übernehmen. Dafür müssen sie Belastungssituationen erkennen, offen ansprechen können und wissen, welche Unterstützungsangebote zur Verfügung stehen.
In der Diskussion mit den Teilnehmer:innen wurde deshalb auch deutlich, dass Wissen über ACEs und ihre möglichen langfristigen Auswirkungen stärker verbreitet werden muss – sowohl bei Entscheidungsträger:innen als auch bei Fachpersonen im Gesundheits- und Sozialsystem.
Frühe Hilfen setzen früh im Lebensverlauf an
Das österreichische Programm der Frühen Hilfen knüpft unmittelbar an dieser präventiven Logik an. Es richtet sich an Familien mit kleinen Kindern in belastenden Lebenssituationen und setzt bereits während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren an. Familienbegleiter:innen können Belastungen gemeinsam mit den Familien klären, vorhandene Ressourcen stärken und bei Bedarf weitere Unterstützung organisieren. Damit können Frühe Hilfen dazu beitragen, negative Erfahrungen und chronischen Stress zu reduzieren und Bedingungen zu fördern, unter denen Kinder Sicherheit, stabile Beziehungen und positive Entwicklungsmöglichkeiten erfahren.
Der Vortrag machte damit einen Zusammenhang besonders deutlich: Frühe Unterstützung ist nicht nur für die aktuelle Situation einer Familie relevant. Sie kann Entwicklungsbedingungen in einer Lebensphase verbessern, die für die langfristige Gesundheit von besonderer Bedeutung ist.
Vortragender: Dr. Harald Geiger, MPH, ist Allgemeinmediziner und Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde mit einer Praxis in Dornbirn. Zum Zeitpunkt der Veranstaltung war er zudem Ärztlicher Leiter für Kinder- und Jugendgesundheit im Geschäftsbereich Gesundheitsbildung des Arbeitskreises für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) in Bregenz. Er gehörte dem Fachbeirat des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen sowie dem Lenkungsteam von Netzwerk Familie Vorarlberg an.
Vortrag und Vertiefung Download:
Der Vortrag „Gestresste Kleinkinder. ACEs (Adverse Childhood Experiences) und die Bedeutung früher Unterstützungssysteme“ von Harald Geiger ist online verfügbar:
Zum Thema steht beim NZFH.at außerdem das E-Learning „Negative Kindheitserfahrungen, chronischer Stress und Frühe Hilfen“ zur Verfügung.
